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Claudia Schröder

Systemische Organisations­entwicklerin, Beraterin, Trainerin und Coach mit über 15 Jahren Erfahrung als Unternehmerin und CFO.
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Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on & KI – Teil 1: Schulz von Thun

In mei­nem letz­ten Bei­trag berich­te­te ich dar­über, dass die Fähig­keit zur Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on eine Schlüs­sel­funk­ti­on im Umgang mit KI ein­nimmt. In die­ser Serie möch­te ich die vor­han­de­nen Meta­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­le unter­su­chen und ggf. so adap­tie­ren, dass sie auch einen Nut­zen für die Mensch-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on erzeu­gen.

In die­sem ers­ten Teil sehen wir uns hier­zu das Meta­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­dell von Schulz von Thun an.

Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on nach Schulz von Thun

Schulz von Thun ent­wi­ckelt sei­nen Begriff der Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on aus einer simp­len Beob­ach­tung: Zwei Men­schen, die mit­ein­an­der reden, spre­chen nie nur über die Sache. Sie signa­li­sie­ren gleich­zei­tig, wie sie sich zuein­an­der ver­hal­ten, wie sie den Kon­takt erle­ben, wie sie die Bezie­hung wahr­neh­men. Wenn die­se Ebe­ne gestört ist, hilft es nicht, lau­ter oder deut­li­cher zu wer­den. Man muss dann über das Reden reden, um Miss­ver­ständ­nis­se oder auch Stö­run­gen zu behe­ben. Dafür for­mu­liert Schulz von Thun vier Kern­fra­gen, die Basis sei­nes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­qua­drats (vier Sei­ten einer Nach­richt) – sie lau­ten:

  1. Sach­in­halt: Wie hast du das gemeint?
  2. Appell: Wie ist es bei mir ange­kom­men?
  3. Selbst­of­fen­ba­rung: Wie emp­fin­de ich unse­ren Kon­takt?
  4. Bezie­hung: Wie gehen wir grund­sätz­lich mit­ein­an­der um?
 

Die­se Fra­gen set­zen vor­aus, dass es zwei mensch­li­che Sei­ten gibt, die bei­de etwas erle­ben, bei­de etwas mei­nen und bei­de bereit sind, sich auf einen gemein­sa­men Refle­xi­ons­raum ein­zu­las­sen. Schulz von Thun nennt das den Feld­her­ren­hü­gel (als Meta­pher für eine gemein­sam ein­ge­nom­me­ne Beob­ach­ter­po­si­ti­on, von der aus die Kom­mu­ni­ka­ti­on selbst betrach­tet wer­den kann. Ich ver­wen­de im wei­te­ren Ver­lauf das fried­vol­le­re Wort Aus­sichts­punkt, da mir die­ses Wort in der heu­ti­gen Zeit pas­sen­der erscheint). Die­se meta­kom­mu­ni­ka­ti­ve Grund­hal­tung fasst er in einem pro­gram­ma­ti­schen Satz: „Das müs­sen wir her­aus­fin­den!”. Damit meint er, dass funk­tio­nie­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on kein Natur­zu­stand ist, son­dern etwas, das Paa­re, Teams oder Orga­ni­sa­tio­nen aktiv und ite­ra­tiv ent­wi­ckeln müs­sen.

Das Modell trifft auf KI

Über­trägt man nun die­se Kern­fra­gen auf die Inter­ak­ti­on zwi­schen Mensch und KI, liegt die Fra­ge nahe: Mit wel­chem Ohr hört nun eine KI? Ver­ar­bei­tet sie bevor­zugt den Sach­in­halt und blen­det Bezie­hung, Selbst­of­fen­ba­rung und Appell struk­tu­rell aus?

Das Ergeb­nis ist inter­es­sant. Die Fra­gen funk­tio­nie­ren noch, aber die Inter­ak­tio­nen ver­schie­ben sich. Da wir die Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­las­sen, wird aus ehe­ma­li­gen Dia­log­fra­gen eines Gesprä­ches eine Selbst­be­fra­gung der mensch­li­chen Par­tei im Wech­sel­spiel mit einer KI-Rol­le. Das „Wie hast du das gemeint?“ rich­tet sich nicht mehr an ein mensch­li­ches Gegen­über (psy­chi­sches und bio­lo­gi­sches Sys­tem) wel­ches in die­sem Sin­ne über Erle­ben, Inten­tio­na­li­tät und Bezie­hungs­fä­hig­keit ver­fügt. Oder wenn dann in einem Sin­ne, der kate­go­ri­al vom mensch­li­chen Erle­ben ver­schie­den wäre. Sprach­mo­del­le erle­ben kei­ne Bezie­hun­gen. Auch hat KI kein „Inter­es­se“ sich zu eini­gen, um die Bezie­hung zu pfle­gen.

Die Fra­ge wird zur Fra­ge an sich selbst in dem Sin­ne von „Wie habe ich das gemeint – und hat die KI-Rol­le es so ver­ar­bei­tet, wie ich es beab­sich­tigt habe?“

Der Refle­xi­ons­pol ver­schiebt sich haupt­säch­lich auf die mensch­li­che Sei­te. Die KI-Rol­le ver­ar­bei­tet das, was der Mensch anhand sei­ner Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten im Umgang mit KI-Rol­len promp­tet. Man könn­te ver­ein­facht von einer Art Spie­ge­lung spre­chen. Tat­säch­lich fin­det eine aktiv-selek­ti­ve Refle­xi­on der KI statt, die sich eben­so von einer mensch­li­chen Refle­xi­ons­tä­tig­keit unter­schei­det.

Mög­li­che Adap­ti­on und Nut­zen im Kon­text KI

Dadurch ent­steht den­noch etwas prag­ma­tisch Nütz­li­ches: Als Selbst­re­fle­xi­ons­werk­zeug für den mensch­li­chen Teil der Inter­ak­ti­on schärft das Modell den Blick für die eige­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter, impli­zi­ten Erwar­tun­gen und Inter­pre­ta­ti­ons­ge­wohn­hei­ten im Umgang mit KI-Sprach­mo­del­len. So kann es als Werk­zeug zur soge­nann­ten Prompt-Refle­xi­on genutzt wer­den, im Sin­ne einer bewuss­ten Nach­be­trach­tung der eige­nen Ein­ga­be an eine KI-Rol­le, um Mehr­deu­tig­kei­ten, impli­zi­te Erwar­tun­gen und For­mu­lie­rungs­mus­ter zu erken­nen. Wer lernt, sich nach jedem unbe­frie­di­gen­den KI-Aus­tausch zu fra­gen, ob die eige­ne Ein­ga­be klar genug war, ob ver­steck­te Erwar­tun­gen mit­schwan­gen oder ob sich Mus­ter im eige­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten zei­gen – der betreibt eine Art digi­ta­le Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on mit sich selbst und lernt dar­aus.

Da die klas­si­schen Meta­kom­mu­ni­ka­ti­ons­fra­gen von Schulz von Thun ein wech­sel­sei­ti­ges Erle­ben bei­der Sei­ten vor­aus­set­zen, müss­ten sie für die Anwen­dung auf Mensch-KI-Inter­ak­ti­on asym­me­trisch refor­mu­liert wer­den.

Bei der Nut­zung eines KI-Sprach­mo­dells könn­te dies bei­spiels­wei­se wie folgt lau­ten:

Artikelinhalte

Als Selbst­re­fle­xi­ons­mo­dell läge die Her­aus­for­de­rung dar­in, zu beach­ten, dass ich als Mensch die Ver­ant­wor­tung für die Qua­li­tät der Inter­ak­ti­on tra­ge, da ich in der KI-Rol­le kein ech­tes Gegen­über habe. Wer lernt, sei­ne eige­nen Prompts, Erwar­tun­gen und Mus­ter zu beob­ach­ten, also eine über­ge­ord­ne­te räum­li­che Vor­stel­lung über sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ar­chi­te­kur und ‑pro­zes­se ein­zu­neh­men, kom­mu­ni­ziert qua­li­ta­tiv bes­ser – nicht nur mit der KI-Rol­le, son­dern auch mit sich selbst und mit ande­ren.

Ursprüng­li­cher Anwen­dungs­be­reich des Modells

Schulz von Thun hat das Modell für die Human­wis­sen­schaft ent­wi­ckelt, d.h. es setzt vor­aus, dass zwei Men­schen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Und dass bei­de Sei­ten erle­ben, wie sie den Kon­takt wahr­neh­men. Eine KI-Rol­le (feh­len­des bio­lo­gi­sches und psy­chi­sches Sys­tem) hat die­ses Erle­ben nicht, zumin­dest nicht in einem Sin­ne, das dem mensch­li­chen ver­gleich­bar wäre. Das Modell lebt davon, dass das Gegen­über eine eige­nen Innen­per­spek­ti­ve mit­bringt und bereit ist, die­se zu tei­len. Genau das ist bei einer KI-Rol­le struk­tu­rell aus­ge­schlos­sen. Sie ant­wor­tet auf den Impuls zur Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on, nimmt ihn jedoch nicht als mensch­li­ches Wesen wahr.

Den gemein­sa­men Aus­sichts­punkt ein­zu­neh­men oder gemein­sam auf einen Beob­ach­tungs­stand­punkt her­aus­zu­tre­ten, setzt vor­aus, dass bei­de Par­tei­en einen Anlass erle­ben und sich eini­gen wol­len. Eine KI-Rol­le hät­te kei­nen Anlass, die­sen Wech­sel zu initi­ie­ren oder zu ver­wei­gern – sie wür­de ihn schlicht aus­füh­ren. Ein gemein­sa­mes Inne­hal­ten ohne gemein­sa­me Inten­tio­na­li­tät (die Fähig­keit und Absicht, sich bewusst auf etwas zu rich­ten) ist struk­tu­rell unmög­lich – es sei denn, man erwei­ter­te den Begriff der Inten­tio­na­li­tät.

Was bedeu­tet das prak­tisch? Eine KI-Rol­le kann zwar auf Fra­gen wie „Haben wir uns miss­ver­stan­den?“ ant­wor­ten und die Ant­wor­ten kön­nen hilf­reich sein. Aber die KI-Rol­le erlebt das Miss­ver­ständ­nis nicht. Sie regis­triert kei­ne Irri­ta­ti­on, kei­nen Wunsch zur Klä­rung, kei­ne Erleich­te­rung nach der Auf­lö­sung eines Miss­ver­ständ­nis­ses. Das Gespräch fin­det statt. Die Bezie­hung dar­in nicht.

Offe­ne Fra­gen und wei­ter­füh­ren­de Ideen

  • Wie ver­än­dert sich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dy­na­mik, wenn die KI-Rol­le Bezie­hungs­si­gna­le erzeugt, ohne eine Bezie­hung zu erle­ben (kein psy­cho­lo­gi­sches oder bio­lo­gi­sches Sys­tem)?
  • Wie ver­än­dert die struk­tu­rel­le Asym­me­trie lang­fris­tig das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten und die Reflek­ti­ons­fä­hig­keit von Men­schen, die inten­siv mit KI-Sys­te­men arbei­ten?
  • Wel­che neu­en For­men von Miss­ver­ständ­nis­sen oder Pro­jek­tio­nen kön­nen dadurch ent­ste­hen und wie nennt man sie, um sie von mensch­lich ver­ur­sach­ten zu unter­schei­den?
  • Die Mensch-KI-Inter­ak­ti­on benö­tigt m.E. eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­grif­fe, um die Unter­schie­de zwi­schen Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on und Mensch-zu-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ver­deut­li­chen. Wie denkt ein Mensch und wie denkt eine KI-Rol­le, bzw. wie wird es dort tech­nisch abbild­bar gemacht. Künf­tig könn­ten wir dann über Den­ken und KI-Den­ken spre­chen.

Fazit

Das Modell ist für die Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­wi­ckelt wor­den und setzt eine Bezie­hungs­ebe­ne vor­aus. So gese­hen ist es auf die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Mensch-zu-KI nicht 1:1 über­trag­bar. Die ursprüng­li­che Sym­me­trie zwi­schen Men­schen wird zu Asym­me­trie zwi­schen Mensch-zu-KI-Rol­le.

Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on wird so zum selbst­re­fe­ren­zi­el­len Refle­xi­ons­akt redu­ziert. Den­noch kann man das Modell für die Mensch-zu-KI Kom­mu­ni­ka­ti­on adap­tiert anwen­den, um not­wen­di­ge und sys­te­ma­ti­sche Selbst­re­fle­xi­on und Lern­ent­wick­lung im Umgang mit KI zu ermög­li­chen. Bei­spiels­wei­se in einem Dia­log mit mir selbst oder, um ein wei­te­res Kon­zept von Schulz von Thun zu nut­zen, mit Gesprächs­per­so­nen aus mei­nem inne­ren Team (dies gäbe sicher­lich Stoff für einen wei­te­ren Blog-Arti­kel). Künf­tig wür­de mir in die­sem Fall ein Team­mit­glied mei­nes Inne­ren Teams (bspw. KI-Ler­nen­de) beim Selbst­re­flek­tie­ren über die Schul­ter schau­en und ich wür­de einen inne­ren Dia­log mit ihr füh­ren.

In die­sem Sin­ne: Im Gespräch mit der KI-Rol­le gibt es kein mensch­li­ches Gegen­über, mit dem man gemein­sam einen Aus­sichts­punkt ein­neh­men kann.

Der nächs­te Arti­kel Teil 2 befasst sich mit der Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on nach Paul Watz­la­wick.

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