Metakommunikation & KI – Teil 1: Schulz von Thun
In meinem letzten Beitrag berichtete ich darüber, dass die Fähigkeit zur Metakommunikation eine Schlüsselfunktion im Umgang mit KI einnimmt. In dieser Serie möchte ich die vorhandenen Metakommunikationsmodelle untersuchen und ggf. so adaptieren, dass sie auch einen Nutzen für die Mensch-KI-Kommunikation erzeugen.
In diesem ersten Teil sehen wir uns hierzu das Metakommunikationsmodell von Schulz von Thun an.
Metakommunikation nach Schulz von Thun
Schulz von Thun entwickelt seinen Begriff der Metakommunikation aus einer simplen Beobachtung: Zwei Menschen, die miteinander reden, sprechen nie nur über die Sache. Sie signalisieren gleichzeitig, wie sie sich zueinander verhalten, wie sie den Kontakt erleben, wie sie die Beziehung wahrnehmen. Wenn diese Ebene gestört ist, hilft es nicht, lauter oder deutlicher zu werden. Man muss dann über das Reden reden, um Missverständnisse oder auch Störungen zu beheben. Dafür formuliert Schulz von Thun vier Kernfragen, die Basis seines Kommunikationsquadrats (vier Seiten einer Nachricht) – sie lauten:
- Sachinhalt: Wie hast du das gemeint?
- Appell: Wie ist es bei mir angekommen?
- Selbstoffenbarung: Wie empfinde ich unseren Kontakt?
- Beziehung: Wie gehen wir grundsätzlich miteinander um?
Diese Fragen setzen voraus, dass es zwei menschliche Seiten gibt, die beide etwas erleben, beide etwas meinen und beide bereit sind, sich auf einen gemeinsamen Reflexionsraum einzulassen. Schulz von Thun nennt das den Feldherrenhügel (als Metapher für eine gemeinsam eingenommene Beobachterposition, von der aus die Kommunikation selbst betrachtet werden kann. Ich verwende im weiteren Verlauf das friedvollere Wort Aussichtspunkt, da mir dieses Wort in der heutigen Zeit passender erscheint). Diese metakommunikative Grundhaltung fasst er in einem programmatischen Satz: „Das müssen wir herausfinden!”. Damit meint er, dass funktionierende Kommunikation kein Naturzustand ist, sondern etwas, das Paare, Teams oder Organisationen aktiv und iterativ entwickeln müssen.
Das Modell trifft auf KI
Überträgt man nun diese Kernfragen auf die Interaktion zwischen Mensch und KI, liegt die Frage nahe: Mit welchem Ohr hört nun eine KI? Verarbeitet sie bevorzugt den Sachinhalt und blendet Beziehung, Selbstoffenbarung und Appell strukturell aus?
Das Ergebnis ist interessant. Die Fragen funktionieren noch, aber die Interaktionen verschieben sich. Da wir die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation verlassen, wird aus ehemaligen Dialogfragen eines Gespräches eine Selbstbefragung der menschlichen Partei im Wechselspiel mit einer KI-Rolle. Das „Wie hast du das gemeint?“ richtet sich nicht mehr an ein menschliches Gegenüber (psychisches und biologisches System) welches in diesem Sinne über Erleben, Intentionalität und Beziehungsfähigkeit verfügt. Oder wenn dann in einem Sinne, der kategorial vom menschlichen Erleben verschieden wäre. Sprachmodelle erleben keine Beziehungen. Auch hat KI kein „Interesse“ sich zu einigen, um die Beziehung zu pflegen.
Die Frage wird zur Frage an sich selbst in dem Sinne von „Wie habe ich das gemeint – und hat die KI-Rolle es so verarbeitet, wie ich es beabsichtigt habe?“
Der Reflexionspol verschiebt sich hauptsächlich auf die menschliche Seite. Die KI-Rolle verarbeitet das, was der Mensch anhand seiner Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang mit KI-Rollen promptet. Man könnte vereinfacht von einer Art Spiegelung sprechen. Tatsächlich findet eine aktiv-selektive Reflexion der KI statt, die sich ebenso von einer menschlichen Reflexionstätigkeit unterscheidet.
Mögliche Adaption und Nutzen im Kontext KI
Dadurch entsteht dennoch etwas pragmatisch Nützliches: Als Selbstreflexionswerkzeug für den menschlichen Teil der Interaktion schärft das Modell den Blick für die eigenen Kommunikationsmuster, impliziten Erwartungen und Interpretationsgewohnheiten im Umgang mit KI-Sprachmodellen. So kann es als Werkzeug zur sogenannten Prompt-Reflexion genutzt werden, im Sinne einer bewussten Nachbetrachtung der eigenen Eingabe an eine KI-Rolle, um Mehrdeutigkeiten, implizite Erwartungen und Formulierungsmuster zu erkennen. Wer lernt, sich nach jedem unbefriedigenden KI-Austausch zu fragen, ob die eigene Eingabe klar genug war, ob versteckte Erwartungen mitschwangen oder ob sich Muster im eigenen Kommunikationsverhalten zeigen – der betreibt eine Art digitale Metakommunikation mit sich selbst und lernt daraus.
Da die klassischen Metakommunikationsfragen von Schulz von Thun ein wechselseitiges Erleben beider Seiten voraussetzen, müssten sie für die Anwendung auf Mensch-KI-Interaktion asymmetrisch reformuliert werden.
Bei der Nutzung eines KI-Sprachmodells könnte dies beispielsweise wie folgt lauten:
Als Selbstreflexionsmodell läge die Herausforderung darin, zu beachten, dass ich als Mensch die Verantwortung für die Qualität der Interaktion trage, da ich in der KI-Rolle kein echtes Gegenüber habe. Wer lernt, seine eigenen Prompts, Erwartungen und Muster zu beobachten, also eine übergeordnete räumliche Vorstellung über seine Kommunikationsarchitekur und ‑prozesse einzunehmen, kommuniziert qualitativ besser – nicht nur mit der KI-Rolle, sondern auch mit sich selbst und mit anderen.
Ursprünglicher Anwendungsbereich des Modells
Schulz von Thun hat das Modell für die Humanwissenschaft entwickelt, d.h. es setzt voraus, dass zwei Menschen miteinander kommunizieren. Und dass beide Seiten erleben, wie sie den Kontakt wahrnehmen. Eine KI-Rolle (fehlendes biologisches und psychisches System) hat dieses Erleben nicht, zumindest nicht in einem Sinne, das dem menschlichen vergleichbar wäre. Das Modell lebt davon, dass das Gegenüber eine eigenen Innenperspektive mitbringt und bereit ist, diese zu teilen. Genau das ist bei einer KI-Rolle strukturell ausgeschlossen. Sie antwortet auf den Impuls zur Metakommunikation, nimmt ihn jedoch nicht als menschliches Wesen wahr.
Den gemeinsamen Aussichtspunkt einzunehmen oder gemeinsam auf einen Beobachtungsstandpunkt herauszutreten, setzt voraus, dass beide Parteien einen Anlass erleben und sich einigen wollen. Eine KI-Rolle hätte keinen Anlass, diesen Wechsel zu initiieren oder zu verweigern – sie würde ihn schlicht ausführen. Ein gemeinsames Innehalten ohne gemeinsame Intentionalität (die Fähigkeit und Absicht, sich bewusst auf etwas zu richten) ist strukturell unmöglich – es sei denn, man erweiterte den Begriff der Intentionalität.
Was bedeutet das praktisch? Eine KI-Rolle kann zwar auf Fragen wie „Haben wir uns missverstanden?“ antworten und die Antworten können hilfreich sein. Aber die KI-Rolle erlebt das Missverständnis nicht. Sie registriert keine Irritation, keinen Wunsch zur Klärung, keine Erleichterung nach der Auflösung eines Missverständnisses. Das Gespräch findet statt. Die Beziehung darin nicht.
Offene Fragen und weiterführende Ideen
- Wie verändert sich die Kommunikationsdynamik, wenn die KI-Rolle Beziehungssignale erzeugt, ohne eine Beziehung zu erleben (kein psychologisches oder biologisches System)?
- Wie verändert die strukturelle Asymmetrie langfristig das Kommunikationsverhalten und die Reflektionsfähigkeit von Menschen, die intensiv mit KI-Systemen arbeiten?
- Welche neuen Formen von Missverständnissen oder Projektionen können dadurch entstehen und wie nennt man sie, um sie von menschlich verursachten zu unterscheiden?
- Die Mensch-KI-Interaktion benötigt m.E. eigene Kommunikationsbegriffe, um die Unterschiede zwischen Mensch-zu-Mensch-Kommunikation und Mensch-zu-KI-Kommunikation zu verdeutlichen. Wie denkt ein Mensch und wie denkt eine KI-Rolle, bzw. wie wird es dort technisch abbildbar gemacht. Künftig könnten wir dann über Denken und KI-Denken sprechen.
Fazit
Das Modell ist für die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation entwickelt worden und setzt eine Beziehungsebene voraus. So gesehen ist es auf die Kommunikation zwischen Mensch-zu-KI nicht 1:1 übertragbar. Die ursprüngliche Symmetrie zwischen Menschen wird zu Asymmetrie zwischen Mensch-zu-KI-Rolle.
Metakommunikation wird so zum selbstreferenziellen Reflexionsakt reduziert. Dennoch kann man das Modell für die Mensch-zu-KI Kommunikation adaptiert anwenden, um notwendige und systematische Selbstreflexion und Lernentwicklung im Umgang mit KI zu ermöglichen. Beispielsweise in einem Dialog mit mir selbst oder, um ein weiteres Konzept von Schulz von Thun zu nutzen, mit Gesprächspersonen aus meinem inneren Team (dies gäbe sicherlich Stoff für einen weiteren Blog-Artikel). Künftig würde mir in diesem Fall ein Teammitglied meines Inneren Teams (bspw. KI-Lernende) beim Selbstreflektieren über die Schulter schauen und ich würde einen inneren Dialog mit ihr führen.
In diesem Sinne: Im Gespräch mit der KI-Rolle gibt es kein menschliches Gegenüber, mit dem man gemeinsam einen Aussichtspunkt einnehmen kann.
Der nächste Artikel Teil 2 befasst sich mit der Metakommunikation nach Paul Watzlawick.
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