KI braucht Kommunikationskompetenz
Wie wir in den bereits voran gegangenen Blogbeiträgen gezeigt haben, ist die Einführung und Nutzung von KI weit mehr als die eines Tools. Betrachten wir sie im Sinne einer sozial-kommunikativen Rolle (vgl. Blogbeitrag „KI-Nutzungsstufen in Organisationen“ vom 6. Februar 2026), wird deutlich, ihr Nutzen hängt von etablierten Lernprozessen und ‑strukturen einer Organisation sowie von den kommunikativen Fertigkeiten der Mitarbeitenden ab.
Ein Blick in die Unternehmensrealität
Doch wie steht es um organisational verankerte Lernprozesse und ‑methoden? Belastbare wissenschaftliche Zahlen lassen sich für Deutschland schwer finden – zumal viele Erhebungen auf Selbstbeschreibungen beruhen. Meine erfahrungsbasierten Beobachtungen aus 25 Jahren Beratungserfahrung mit Schwerpunkt KMU zeichnen ein nüchternes Bild:
- Viele kennen die Begriffe Feedback und Lernschleifen.
- Manche kennen Retrospektiven.
- Viele Mitarbeitende haben Feedback-Schulungen besucht – wenden das Gelernte jedoch wenig bis kaum an.
- Wenige Organisationen leben eine etablierte Feedback-Kultur und verfügen über ein ausreichend psychologisch sicheres Lernumfeld.
- In den letzten zwei bis drei Jahren beobachte ich eine Zunahme von Feedback, Retrospektiven, Lernzyklen etc.
Wir wissen, dass agile oder auch selbst organisierte Unternehmen i.d.R. über Lernstrukturen wie beispielsweise Iterationen, Retrospektiven, Feedbackzyklen, kommunikative Grundfertigkeiten bei Mitarbeitenden, moderierte Arbeitstreffen, transparente Rollenmodelle, dialogische Entscheidungsverfahren usw. verfügen. Doch das bloße Vorhandensein solcher Formate sagt wenig über deren Qualität aus – entscheidend ist die Praxis.
Empirisch lässt sich dagegen belegen (Wanda J. Orlikowski – Stichwort Practice Lens), dass Technologie soziale Interaktionen verändert. Die organisationale Lernfähigkeit beeinflusst wiederum den Umgang mit Technologie, insbesondere wie neue Impulse integriert werden sollen.
KI als nicht-menschliche kommunikative Rolle betritt die Bühne
Mit KI betritt erstmals eine nicht-menschliche kommunikative Rolle die organisationale Bühne. Sie wirkt in Kommunikationen, Entscheidungen und Verantwortlichkeiten mit. Die Einführung und Art und Weise der Nutzung macht bestehende Defizite der Lern- und Kommunikationsstrukturen deutlich. Schon allein ihr Antworttempo (dem wir menschlich rein gar nichts entgegensetzen können), löst zahlreiche Dynamiken bei uns aus. Kontrollverlustgefühle, Unsicherheit, Überforderung, Kompetenzverunsicherung, Statusbedrohung etc. sind an der Tagesordnung.
In einer funktionierenden psychologisch sicheren Lernumgebung mit etablierten Lernstrukturen, ‑prozessen und eingeübten kommunikativen Methoden, lassen sich solche Dynamiken und Spannungen sichtbar machen und konstruktiv lösen. Kontinuierliches Reflektieren ermöglicht, die Metaebene zur Kommunikation einzunehmen und zu lernen. Doch was geschieht in Unternehmen, denen diese Voraussetzungen und Fähigkeiten fehlen?
Wer nie gelernt hat, empfängerorientiert zu kommunizieren oder Missverständnisse und Spannungen eigenverantwortlich zu klären, hat es schwer, mit einer nicht-menschlichen Kommunikationsrolle richtungsweisend umzugehen, aus diesem Umgang vertieft zu lernen oder die Erkenntnisse in die Organisation zu transferieren.
Metakommunikation wird zur Schlüsselkompetenz
Dazu benötigen wir die Fähigkeit und Fertigkeit, die Metaebene zur Kommunikation einzunehmen:
- Wie kommunizieren wir miteinander?
- Welche Akteur:innen und Rollen tragen zum Kontext bei?
- Welche davon sind menschlich und welche nicht?
- Welche Rollen, Funktionen, Aufgaben haben sie?
- Wie tragen sie zu den Ergebnissen (siehe Stufenmodell) bei?
- Wie unterstützen sie ggf. auf der Prozessebene etc.
Diese Unterscheidungen im täglichen Arbeiten zusätzlich zu besprechen, ist nicht selbstverständlich und muss erst einmal erprobt werden. Ohne diese Differenzierungsfähigkeiten verschwimmen sonst Verantwortlichkeiten, Erwartungshaltungen und das gemeinsame Verständnis.
KI als Beschleuniger organisationaler Lernprozesse
Die Einführung von KI – unabhängig von ihrer jeweiligen Nutzungsstufe (vgl. Grafik) fordert in einer bisher ungekannten Dynamik Organisationen und deren Mitarbeitenden. In Umfeldern, wo Lernprozesse, – strukturen und individuelle Kommunikations- und Reflexionsfertigkeiten fehlen, verstärkt KI vorhandene Dysbalancen. Möchten wir KI sinnvoll und verantwortungsvoll nutzen, müssen wir uns als lernende Organisation auf diese neue kommunikative Rolle ausrichten. Andernfalls bleiben die entstehenden Impulse oberflächlich und nicht innovierend.
P.S.: Wir bieten (zumindest für menschliche Akteurinnen) kleine Mikro-Trainings “Kommunikative Grundfertigkeiten” zur Einführung einer Feedback-Kultur sowie Psychologischer Sicherheit https://kollegiale-fuehrung.de/veranstaltung/kgf/ an.
P.P.S.: Kommunikative Grundfertigkeiten zu beherrschen macht in allen Unternehmen Sinn – mit oder ohne KI 😉.