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Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen
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Bernd Oestereich

Impulsgeber für kollegial geführte Organi­sationen mit Erfahrung als Unternehmer seit 1998. Sprecher und Autor inter­national verlegter Bücher.
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Uns feh­len noch die (KI-)Worte

Sprach­mo­del­le kom­mu­ni­zie­ren und han­deln men­schen­ähn­lich und wer­den in Orga­ni­sa­tio­nen ähn­lich wie Men­schen wahr­ge­nom­men. KI-Sys­te­me über­neh­men men­schen­ähn­li­che Rol­len. Vie­le Begrif­fe, die wir bis­her pri­mär Men­schen zuge­schrie­ben hat­ten, ver­wen­den wir nun auch in Bezug auf Sprach­mo­del­le: Den­ken, Ver­ste­hen, Exis­tenz, Eigen­in­ter­es­se, Moral, Hal­lu­zi­na­ti­on, Gedächt­nis und eini­ge mehr.

Damit ver­wi­schen wir gleich­zei­tig wich­ti­ge Unter­schie­de, denn die Bedeu­tung für Men­schen ist (mehr oder weni­ger) eine ande­re als für Sprach­mo­del­le und KI-Sys­te­me.

Die all­seits ver­brei­te­te (und für uns Men­schen offen­bar hilf­rei­che) Ver­mensch­li­chung von Gegen­stän­den fin­det auch für KI-Sys­te­me statt.

 

Mit ver­mensch­lich­ten Begrif­fen für KI tun wir uns kei­nen Gefal­len.

Wenn wir die Bedeu­tungs­un­ter­schie­de sprach­lich ver­schlei­ern, über­se­hen wir anschlie­ßend rele­van­te Unter­schie­de. Wir inter­pre­tie­ren das Ver­hal­ten von KI zuneh­mend falsch, wir ver­ste­hen nicht wirk­lich, wie Sprach­mo­del­le und KI-Sys­te­me arbei­ten, weil wir sie sprach­lich mit den mensch­li­chen Bedeu­tun­gen und Funk­tio­nen gleich­set­zen. Und dann wun­dern wir uns, war­um Ver­hal­ten und Kom­mu­ni­ka­tio­nen unse­rer KI-Anwen­dun­gen anders sind, als wir erwar­ten.

Um KI-Sys­te­me nutz­brin­gend und umfas­send in Orga­ni­sa­tio­nen ein­zu­set­zen, müs­sen wir als Men­schen auch ein Ver­ständ­nis und ein Gefühl dafür ent­wi­ckeln, wie KI funk­tio­niert – und damit vor allem, wie es sich von uns Men­schen unter­schei­det. So, wie eine Tisch­le­rin ein Gefühl für Höl­zer ent­wi­ckelt oder eine Buch­hal­te­rin für Zah­len.

Zusätz­lich lau­fen wir durch ver­mensch­lich­te Begrif­fe Gefahr, wich­ti­ge Ver­ant­wor­tungs- und Haf­tungs­fra­gen zu über­se­hen, da KI-Sys­te­me anders als Men­schen (aktu­ell) juris­tisch und mora­lisch nicht haft­bar zu machen und nicht wirk­sam zu sank­tio­nie­ren sind. Um die Unter­schie­de deut­lich zu mar­kie­ren, brau­chen wir eine ande­re Spra­che, neue Begrif­fe und neue Bil­der.

In die­sem Bei­trag möch­te ich einen kon­kre­ten Begriff dis­ku­tie­ren.

In einem frü­he­ren Bei­trag hat­ten wir zur sprach­li­chen Klä­rung den Begriff “Funk­tio­na­les Orga­ni­sa­ti­ons­mit­glied” defi­niert. Dies sehen wir zwar als Fort­schritt, um für eine sys­tem­theo­re­ti­sche Sicht über­haupt eine Unter­schei­dung zu haben, das ent­hal­te­ne Wort “Mit­glied” kon­no­tiert jedoch wie­der eine Ver­mensch­li­chung, wes­we­gen wir nun einen ande­ren Begriff vor­schla­gen.

 

KI als “Orga­ni­sa­ti­ons­ele­ment”

Als wir letz­te Woche in einem Work­shop alter­na­ti­ve Bezeich­nun­gen sam­mel­ten, füg­te unse­re Kol­le­gin Alex­an­dra Wen­dorff den Begriff “Orga­ni­sa­ti­ons­ele­ment” hin­zu, den wir hier­mit für unse­re Defi­ni­ti­on auf­grei­fen möch­ten. Die Defi­ni­ti­on selbst bleibt (weit­ge­hend) unver­än­dert:

Ein funk­tio­na­les Orga­ni­sa­ti­ons­ele­ment ist eine 
- nicht-per­so­na­le,
- dau­er­haft erwar­te­te
- kom­mu­ni­ka­ti­ve Rol­le
- inner­halb einer Orga­ni­sa­ti­on,
- deren Bei­trä­ge ent­schei­dungs­re­le­vant und struk­tu­rell begrenzt sind,
- und die in die Orga­ni­sa­ti­on ein­ge­bet­tet ist,
- ohne selbst Trä­ge­rin juris­ti­scher oder mora­li­scher Ver­ant­wor­tung oder eige­ner (Beziehungs-)Absichten zu sein.

Zu den ein­zel­nen Begriffs­be­stand­tei­len

Was ist mit den ein­zel­nen Bestand­tei­len der Defi­ni­ti­on gemeint?

  • nicht-per­so­nal: kein psy­chi­sches Sys­tem, kein Bewusst­sein, kein Wil­le, Abgren­zung von mensch­li­cher Mit­glied­schaft.
  • dau­er­haft erwar­tet: kei­ne situa­ti­ve Nut­zung, Orga­ni­sa­ti­on rech­net sta­bil mit die­sen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bei­trä­gen.
  • kom­mu­ni­ka­ti­ve Rol­le: beschreibt die Funk­ti­on in der Orga­ni­sa­ti­on. Eine Rol­le hat einen Zweck, Hand­lungs­rah­men und Res­sour­cen.
  • inner­halb einer Orga­ni­sa­ti­on: KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on ist Teil der inter­nen Ent­schei­dungs­pro­zes­se, nicht bloß exter­ner Input oder Bera­tung (unab­hän­gig davon kann die Kom­mu­ni­ka­ti­on extern wir­ken).
  • ent­schei­dungs­re­le­vant: Bei­trä­ge haben fak­ti­sche Wir­kung auf Ent­schei­dun­gen, unab­hän­gig davon, ob for­ma­le Frei­ga­ben exis­tie­ren.
  • struk­tu­rell begrenzt: durch Regeln, Rol­len, Krei­se, Kon­sti­tu­ti­on und mög­li­chen Sank­tio­nen.
  • orga­ni­sa­to­risch ein­ge­bet­tet: die Mit­glied­schaft ist kon­sti­tu­iert, das heißt ver­ein­bart.
  • ohne Ver­ant­wor­tungs­trä­ger­schaft: Ver­ant­wor­tung bleibt mensch­lich und orga­ni­sa­to­risch, KI kann nicht wirk­sam haf­ten oder bestraft wer­den.
  • ohne eige­ne Bezie­hungs­ab­sicht: Sprach­mo­del­le opti­mie­ren vor­ge­ge­be­ne tech­ni­sche Ziel­grö­ßen.


Abgren­zung

  • All­ge­mein: Eine KI ist kei­ne Per­son, kei­ne Kol­le­gin und kei­ne Füh­rungs­kraft, son­dern tech­ni­scher Pro­du­zent eines struk­tu­rier­ten Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­bei­tra­ges.
  • Gegen­über Werk­zeu­gen: Werk­zeu­ge erzeu­gen kei­ne eigen­stän­di­ge Anschluss­kom­mu­ni­ka­ti­on.
  • Gegen­über mensch­li­chen Mit­glie­dern: Men­schen sind zugleich psy­chi­sche und sozia­le Per­so­nen mit einem bio­lo­gi­schen Kör­per. KI über­nimmt aus­schließ­lich kom­mu­ni­ka­ti­ve Rol­len.
  • Gegen­über rechts­fä­hi­gen Per­so­nen: Eine rechts­fä­hi­ge Per­son ist im deut­schen Recht (BGB) jemand, der Rech­te und Pflich­ten hat. Man unter­schei­det zwi­schen natür­li­chen Per­so­nen (alle Men­schen ab Geburt) und juris­ti­schen Per­so­nen (rechts­fä­hi­ge Ver­ei­ni­gun­gen). Rechts­fä­hig­keit bedeu­tet die Fähig­keit, Eigen­tum zu erwer­ben, Ver­trä­ge zu schlie­ßen oder zu erben.

 

Anwen­dung

Aus­ge­hend von der Luh­mann­schen Sicht, dass Orga­ni­sa­tio­nen aus (kon­tin­gen­ten) Kom­mu­ni­ka­tio­nen und nicht aus Men­schen bestehen, stel­len wir mit der Defi­ni­ti­on die Kom­mu­ni­ka­tio­nen in den Vor­der­grund und nicht die Sys­te­me, die die kom­mu­ni­ka­ti­ven Rol­len wahr­neh­men. Dies kön­nen Men­schen (mit bio­lo­gi­schem und psy­chi­schem Sys­tem) und tech­ni­sche Sys­te­me (KI) sein.

Gleich­zei­tig ist “funk­tio­na­les Orga­ni­sa­ti­ons­ele­ment”, vor allem in der ver­kürz­ten Form “Orga­ni­sa­ti­ons­ele­ment”, auch außer­halb der Sys­tem­theo­rie als All­ge­mein­be­griff etwas ver­ständ­li­cher als “funk­tio­na­les Orga­ni­sa­ti­ons­mit­glied”. Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­le­rin­nen müs­sen also kei­nen völ­lig ande­ren Begriff nut­zen.

Bei der Gele­gen­heit: Die wich­tigs­ten KI-Begrif­fe und ‑Kon­zep­te und die wich­tigs­ten Unter­schie­de zwi­schen Men­schen und KI-Sys­te­men beschrei­ben wir in einem gera­de ent­ste­hen­den Buch, das wir in Kür­ze schritt­wei­se frei­ge­ben. Mehr dazu hier: https://kollegiale-fuehrung.de/buchprojekt-ki-in-der-organisation/

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