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Claudia Schröder

Systemische Organisations­entwicklerin, Beraterin, Trainerin und Coach mit über 15 Jahren Erfahrung als Unternehmerin und CFO.
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Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on & KI – Teil 2: Watz­la­wick

Zu Beginn mei­ner Bei­trags­rei­he berich­te­te ich dar­über, dass die Fähig­keit zur Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on eine Schlüs­sel­funk­ti­on im Umgang mit KI ein­nimmt. Teil I beleuch­te­te die Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on von Schulz von Thun. In die­sem Teil II beschäf­ti­ge ich mich mit den Axio­men von Paul Watz­la­wick.

Kom­mu­ni­ka­ti­on nach Watz­la­wick

Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler und The­ra­peut Paul Watz­la­wick ent­wi­ckel­te gemein­sam mit Janet Bea­vin Bave­las und Don D. Jack­son die fünf Axio­me für die Mensch-zu-Mensch-Inter­ak­ti­on. Eine Art grund­le­gen­des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­setz, das die mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on beschreibt. Die Axio­me beschrei­ben Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen zwei Per­so­nen, die in Bezie­hung zuein­an­der­ste­hen und mit­ein­an­der agie­ren.

Sie lau­ten:

  1. Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren, denn jede Kom­mu­ni­ka­ti­on (nicht nur mit Wor­ten) ist Ver­hal­ten und genau­so wie man sich nicht nicht ver­hal­ten kann, kann man nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren.

  2. Jede Kom­mu­ni­ka­ti­on hat einen Inhalts- und einen Bezie­hungs­aspekt, wobei letz­te­rer den ers­ten bestimmt. Ver­ein­facht gesagt gibt es kei­ne rein infor­ma­ti­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on, jede Äuße­rung ent­hält auch eine Bezie­hungs­aus­sa­ge.

  3. Die Natur einer Bezie­hung ist durch die Inter­punk­ti­on der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­läu­fe sei­tens der Part­ner bedingt. Alle Teil­neh­men­de einer Inter­ak­ti­on geben der Bezie­hung eine Struk­tur, auf jeden Reiz folgt eine Reak­ti­on. Was mit Inter­punk­ti­on gemeint ist, erklä­re ich gleich.

  4. Mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on bedient sich ana­lo­ger und digi­ta­ler Moda­li­tä­ten. Kom­mu­ni­ka­ti­on nutzt zwei Modi der Dar­stel­lung. Ana­lo­ge Aus­drucks­for­men wie Ges­tik und Mimik sowie digi­ta­le wie das gespro­che­ne Wort. Was Watz­la­wick mit dem Begriff digi­tal mei­ne, erläu­te­re ich eben­falls gleich.

  5. Zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­läu­fe sind ent­we­der sym­me­trisch oder kom­ple­men­tär, je nach­dem ob die Bezie­hung zwi­schen den Part­nern auf Gleich­ge­wicht oder Unter­schied­lich­keit beruht.

Wel­che Erkennt­nis­se kön­nen wir mög­li­cher­wei­se erlan­gen, wenn wir die Axio­me als heu­ris­ti­sches Werk­zeug auf KI anwen­den anstatt auf die Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on. Was beob­ach­ten wir, wenn wir durch die Bril­le des jewei­li­gen Axi­oms auf die Mensch-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on bli­cken?

Das Modell trifft auf KI

Axi­om 1: „Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren”

Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Men­schen fin­det nicht aus­schließ­lich über Wor­te statt, son­dern umfasst das kom­plet­te Ver­hal­ten wie Ges­tik und Mimik. So kann das Schwei­gen einer Per­son eben­so als Kom­mu­ni­ka­ti­on gedeu­tet wer­den und jedes Gegen­über inter­pre­tiert das Schwei­gen im jewei­li­gen Kon­text anders.

Nun ver­fügt KI nicht über Mit­tel wie Mimik oder Ges­tik. Den­noch kann auch beim Umgang mit KI Schwei­gen statt­fin­den, bei­spiels­wei­se durch eine ver­wei­ger­te Ant­wort, ein Feh­ler, eine aus­wei­chen­de For­mu­lie­rung. Nutzer:innen inter­pre­tie­ren die­se Aus­ga­ben der KI unwei­ger­lich als Bot­schaft. Es wirkt wie eine Kom­mu­ni­ka­ti­on, wie wir sie im Umgang mit Men­schen erle­ben, ist jedoch etwas völ­lig ande­res. Wir ste­hen mit einer KI nicht in einer Bezie­hung oder sind auf­ein­an­der bezo­gen. Ein KI-Sprach­mo­dell erlebt kei­ne Bezie­hung. Jedes Reak­ti­ons­mus­ter der KI, auch unbe­ab­sich­tig­te, wer­den den­noch vom Men­schen ein­sei­tig als Bezie­hungs­si­gnal inter­pre­tiert, wäh­rend dies das Sprach­mo­dell nicht tut. Man könn­te sagen, dass es sich dabei um ein eine Art Pro­jek­ti­ons­me­cha­nis­mus des Men­schen han­delt. Es han­delt sich nicht um eine Eigen­schaft der KI. Der Mensch pro­ji­ziert ein­sei­tig die Erwar­tung eines mensch­li­chen Gegen­übers mit Bezie­hungs­in­ten­ti­on.

Axi­om 2: Inhalts- und Bezie­hungs­aspekt

Wenn wir mit Men­schen umge­hen und spre­chen, ist neben der Infor­ma­ti­on auch jedes Mal die Bezie­hungs­ebe­ne in der Nach­richt ent­hal­ten. Was wir sagen oder tun ist von einer inne­ren Hal­tung dem ande­ren gegen­über geprägt. Wie ich etwas sage, ver­deut­licht, wie ich im jewei­li­gen Moment und Kon­text die jewei­li­ge Bezie­hung sehe und mein Gegen­über ent­spre­chend behand­le.

Jede KI-Ant­wort trägt neben ihrem Sach­in­halt auch eine impli­zi­te Bezie­hungs­bot­schaft durch Ton, Län­ge, Detail­tie­fe, Ver­wen­dung von „Du” oder förm­li­chen Anre­den als auch das Ein­räu­men von Unsi­cher­hei­ten bei. All das signa­li­siert den Nutzer:innen, wie die KI die Inter­ak­ti­on gestal­tet (oder wie sie dar­auf trai­niert wur­de). Men­schen wie­der­um reagie­ren unmit­tel­bar auf die­se Bezie­hungs­si­gna­le und meist stär­ker als auf den Inhalts­aspekt selbst. KI-Sprach­mo­del­le rich­ten ihre Ergeb­nis­se durch­aus anhand der von Men­schen for­mu­lier­ten Ein­ga­ben aus, geben jedoch jedes Mal unter­schied­li­che Ergeb­nis­se aus, da sie nicht über ein Erin­ne­rungs­ver­mö­gen ver­fü­gen, das dem mensch­li­chen ähnelt.

KI-Sys­te­me wer­den expli­zit auf ihren Bezie­hungs­mo­dus hin kon­fi­gu­riert, in dem Sin­ne wie „Wel­che Bezie­hungs­bot­schaft soll eine KI-Rol­le sen­den – part­ner­schaft­lich, tuto­ri­ell, neu­tral-sach­lich?“ Die­ser KI-Bezie­hungs­aspekt unter­schei­det sich kom­plett vom Bezie­hungs­aspekt des Men­schen.

Watz­la­wick betont, dass der Bezie­hungs­aspekt den Inhalts­aspekt bestimmt, weil er Auf­schluss gibt, wie Spre­chen­de die Bezie­hung wahr­neh­men und bewer­ten. Das setzt eine ech­te Bezie­hungs­er­fah­rung auf der Gegen­sei­te vor­aus. Eine KI erzeugt zwar Bezie­hungs­si­gna­le, erlebt aber kei­ne Bezie­hung. Der Bezie­hungs­aspekt exis­tiert nur ein­sei­tig auf der Sei­te des Men­schen. Watz­la­wick setzt die­sen Aspekt jedoch auf bei­den Sei­ten vor­aus, dies fehlt auf Sei­ten der KI.

Das KI-Sprach­mo­dell pro­du­ziert bezie­hungs­ar­ti­ge Signa­le als Ergeb­nis ihres Trai­nings und nicht als Aus­druck einer Bezie­hungs­de­fi­ni­ti­on. Was bleibt, ist ein Bezie­hungs­ef­fekt ohne Bezie­hungs­in­ten­ti­on.

Axi­om 3: Kom­mu­ni­ka­ti­on als Ursa­che und Wir­kung (Inter­punk­ti­on)

Hier geht es dar­um, dass mensch­li­che Gesprächpartner:innen ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­läu­fe im Gespräch struk­tu­rie­ren und ihre Inter­punk­ti­on jeweils für die ein­zig rich­ti­ge hal­ten. Das Wort Inter­punk­ti­on kommt aus der Gram­ma­tik. Ein Satz­zei­chen bestimmt, wo eine Infor­ma­ti­on anfängt und auf­hört. In der Kom­mu­ni­ka­ti­on meint Watz­la­wick damit, dass jeder Mensch selbst ent­schei­det, wo er den Anfang einer Geschich­te setzt. Das führt dazu, dass wir unser Gegen­über zur Ursa­che unse­res eige­nen Ver­hal­tens machen, in der Art und Wei­se, dass wir uns eine Geschich­te dar­über erzäh­len, wer ange­fan­gen hat.

KI-Sprach­mo­del­le erzeu­gen kei­ne eige­ne Inter­punk­ti­on. Nutzer:innen nei­gen jedoch dazu, das Ver­hal­ten der KI als Reak­ti­on auf sich selbst zu deu­ten und umge­kehrt ihr eige­nes Ver­hal­ten als Reak­ti­on auf die KI. Prag­ma­tisch inter­punk­tiert der Mensch, die KI reagiert und der Mensch inter­punk­tiert sei­ne Reak­ti­on neu. Auch hier kann wie in der Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on eine Art Abwärts­spi­ra­le ent­ste­hen, die sich jedoch struk­tu­rell unter­schei­det. Man könn­te es ver­ein­facht als eine Art Selbst­ge­spräch mit Echo beschrei­ben. Anwender:innen, die unzu­frie­den mit den gelie­fer­ten Aus­ga­ben sind und dadurch dring­li­che­re Ein­ga­ben for­mu­lie­ren, könn­ten das Sprach­mo­dell zu immer aus­führ­li­che­ren, aber weni­ger prä­zi­sen Ant­wor­ten ver­an­las­sen, was die Unzu­frie­den­heit kon­ti­nu­ier­lich stei­gern wür­de.

Axi­om 4: Ana­lo­ge und digi­ta­le* Kom­mu­ni­ka­ti­on

Watz­la­wick betont, dass mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on wesent­lich auf ana­lo­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on beruht, wie Ges­tik, Mimik, Ton­fall, die den Bezie­hungs­aspekt tra­gen, wie bei­spiels­wei­se Lächeln, Weg­bli­cken, Schwei­gen, Atmen, Bewe­gen, Berüh­rung etc. All die­se Din­ge tei­len etwas mit, im Sin­ne „eine Ges­te sagt mehr als tau­send Wor­te“. So wird viel Bedeu­tung und Gefühl trans­por­tiert. Mit ana­lo­gen Ele­men­ten wird häu­fig die Bezie­hungs­ebe­ne ver­mit­telt, mit digi­ta­len die Inhalts­ebe­ne.

Watz­la­wick ver­wen­det den Begriff „digi­tal” nicht im heu­ti­gen all­tags­sprach­li­chen Sin­ne von Com­pu­ter oder Tech­no­lo­gie. Er ent­lehnt ihn aus der Kyber­ne­tik und der frü­hen Infor­ma­ti­ons­theo­rie der 1940er und 1950er Jah­re, einer Wis­sen­schaft, die sich mit Steue­rung und Kom­mu­ni­ka­ti­on in Maschi­nen und Lebe­we­sen beschäf­tig­te. Ver­kürzt dar­ge­stellt, ist für Watz­la­wick digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on beim Men­schen schlicht das gespro­che­ne und geschrie­be­ne Wort.

Ana­lo­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on ist mehr­deu­tig und kann unter­schied­lich ent­schlüs­selt wer­den. Es gibt kei­ne kla­ren Regeln, wie die­se Bedeu­tung ein­deu­tig zu lesen ist und bleibt so syn­tak­tisch vage. Durch mög­li­che Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen kön­nen Kon­flik­te zwi­schen den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­nern ent­ste­hen.

Die­se Vag­heit fehlt in der KI-Inter­ak­ti­on weit­ge­hend, ihre digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­fügt über eine kom­ple­xe und logi­sche Syn­tax. KI-Sprach­mo­del­le kom­mu­ni­zie­ren nahe­zu aus­schließ­lich digi­tal (im heu­ti­gen Sin­ne auf­grund von Wahr­schein­lich­keits­be­rech­nun­gen) und ver­fü­gen über kei­ne kör­per­li­chen Aus­drucks­mit­tel. Sie kön­nen zwar ana­lo­ge Signa­le bei­spiels­wei­se durch Inter­punk­ti­on, Emo­ji oder die Wort­wahl simu­lie­ren, aber sie pro­du­zie­ren kei­ne Kör­per­lich­keit, kei­ne Prä­senz, kei­ne Stimm­far­be, kei­ne Bewe­gung, Atmen, Schwei­gen, Berüh­rung etc. Das bedeu­tet im Sin­ne von Watz­la­wick, dass KI-Sprach­mo­del­le eher aus­schließ­lich in dem Modus unter­wegs, den er für den bezie­hungs­är­me­ren Anteil an der Gesamt­kom­mu­ni­ka­ti­on hält.

Axi­om 5: Sym­me­tri­sche und kom­ple­men­tä­re Kom­mu­ni­ka­ti­on

Bezie­hun­gen fol­gen nach die­sem Axi­om immer einem von zwei Mus­tern. Inter­agie­ren­de Men­schen pas­sen ihr Ver­hal­ten jeweils gegen­sei­tig an. Bei sym­me­tri­schen Bezie­hun­gen stre­ben Men­schen nach Gleich­heit und ver­hal­ten sich ähn­lich. Kom­ple­men­tä­re Bezie­hun­gen funk­tio­nie­ren dage­gen durch Unter­schied­lich­keit. Partner:innen ergän­zen ein­an­der, in dem eine Per­son die füh­ren­de Rol­le über­nimmt und die ande­re Per­son folgt. Das Ver­hal­ten der einen Per­son erzeugt das Ver­hal­ten der ande­ren und umge­kehrt. Im Ver­ständ­nis von Watz­la­wick sind bei­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter wert­frei gemeint. Wird eines die­ser Mus­ter jedoch starr, kön­nen Dyna­mi­ken auf­grund von ein­engen­den Struk­tu­ren ent­ste­hen. Bei­spiels­wei­se, dass sich die Gesprächpartner:innen gegen­sei­tig hoch­schau­keln und über­trump­fen wol­len.

Die Mensch-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on erscheint auf den ers­ten Blick struk­tu­rell kom­ple­men­tär. Es gibt einen fra­gen­den und einen ant­wor­ten­den Pol, einen Suchen­den und einen ver­meint­lich Wis­sen­den. Dies birgt ähn­li­che Risi­ken, bei­spiels­wei­se wenn das Mus­ter zu einer ein­engen­den Struk­tur wird. Nutzer:innen erwar­ten von der KI immer Ant­wor­ten, Lösun­gen und kein unsi­che­res Ver­hal­ten. Die­se Rol­len­ver­tei­lung könn­te die Refle­xi­ons­fä­hig­keit des Nut­zers lang­fris­tig schwä­chen.

Exkurs: Para­do­xe Kom­mu­ni­ka­ti­on und Dou­ble Bind

Aus dem Zusam­men­spiel von Axi­om 2 und Axi­om 4 ent­wi­ckel­te Watz­la­wick gemein­sam mit dem For­schungs­team um Gre­go­ry Bate­son ein wei­te­res Kon­zept, das für die Mensch-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on beson­ders auf­schluss­reich sein dürf­te: den Dou­ble Bind, die dop­pel­te Bot­schaft, die kei­ne kon­sis­ten­te Reak­ti­on zulässt.

Er ent­steht, wenn Inhalts- und Bezie­hungs­ebe­ne ein­an­der wider­spre­chen und der Emp­fän­ger bei­den Ebe­nen gleich­zei­tig gerecht wer­den müss­te – struk­tu­rell jedoch nicht kann. Ein klas­si­sches Bei­spiel: Eine Vor­ge­setz­te sagt ver­bal „Sie kön­nen jeder­zeit mit Kri­tik zu mir kom­men” – ihre Kör­per­spra­che jedoch signa­li­siert Distanz und Ableh­nung. Der Mit­ar­bei­ter emp­fängt zwei unver­ein­ba­re Bot­schaf­ten gleich­zei­tig. Jede Reak­ti­on dar­auf ist falsch, in der Art und Wei­se, dass wer Kri­tik äußert, miss­ach­tet die ana­lo­ge Bot­schaft. Wer schweigt, miss­ach­tet die digi­ta­le. Watz­la­wick beschreibt dies als para­do­xe Injunk­ti­on eine Auf­for­de­rung, die sich durch ihre eige­ne Struk­tur selbst auf­hebt.

In der Mensch-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­ste­hen ver­gleich­ba­re Mus­ter, aller­dings mit einer ent­schei­den­den Ver­schie­bung. Die Para­do­xie liegt hier nicht im Wider­spruch zwi­schen zwei Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­nen einer sen­den­den Per­son, son­dern in den wider­sprüch­li­chen Erwar­tun­gen, die Men­schen struk­tu­rell an KI rich­ten:

  • „Sei ehr­lich, aber immer freund­lich.”
  • „Gib mir eine kla­re Emp­feh­lung, aber sei nicht bevor­mun­dend.”
  • „Ich weiß, dass du kei­ne Gefüh­le hast, aber zeig mir Empa­thie.”

Die­se Anfor­de­run­gen las­sen sich nicht gleich­zei­tig erfül­len. Sie erzeu­gen struk­tu­rel­le Para­do­xien, die sich durch die gesam­te Inter­ak­ti­on zie­hen kön­nen, ohne dass sie bewusst wahr­ge­nom­men wer­den. Im klas­si­schen Sin­ne wäre ein sol­cher Wider­spruch durch Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on auf­lös­bar, bei­spiels­wei­se durch das gemein­sa­me Benen­nen des Mus­ters. Ob KI jedoch zu ech­ter Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on im Watz­la­wick­schen Sin­ne fähig ist, bleibt eine offe­ne Fra­ge. Sie kann über Kom­mu­ni­ka­ti­on spre­chen, aber kaum erle­ben, dass ein Wider­spruch vor­liegt. Der Dou­ble Bind bleibt damit in der Mensch-KI-Inter­ak­ti­on struk­tu­rell unauf­lös­bar, es sei denn, der Mensch löst ihn durch eige­ne Refle­xi­on auf.

Mög­li­che Adap­ti­on und Nut­zen im Kon­text KI

Die fünf Axio­me sind für die Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­wi­ckelt wor­den und set­zen eine Bezie­hungs­ebe­ne vor­aus. So gese­hen sind sie auf die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Mensch-zu-KI nicht 1:1 über­trag­bar.

Den­noch lohnt es sich m.E. die Axio­me heu­ris­tisch für die Mensch-zu-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on anzu­wen­den, um not­wen­di­ge und sys­te­ma­ti­sche Selbst­re­fle­xi­on und Lern­ent­wick­lung im Umgang mit KI zu för­dern.

Die Axio­me könn­ten zur Unter­schieds­bil­dung zwi­schen Mensch-zu-Mensch und Mensch-zu-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on genutzt wer­den, um die Anders­ar­tig­keit im Umgang und im Erle­ben zu ver­deut­li­chen und das eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten, die nicht aus­ge­spro­che­ne Erwar­tun­gen, die dar­aus resul­tie­ren­den Miss­ver­ständ­nis­se rascher zu erken­nen und Stres­so­ren zu ver­mei­den.
Ins­be­son­de­re der feh­len­de Bezie­hungs­aspekt zeigt in allen Axio­men deut­lich, dass wir kein mensch­li­ches Gegen­über haben. Wir reagie­ren den­noch in der Benut­zung mit KI-Sprach­mo­del­len affekt­lo­gisch (nach Luc Ciom­pi), eben glei­cher­ma­ßen wie bei einer Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on, das ist unse­ren Gehir­nen geschul­det. Wir reagie­ren emo­tio­nal, wir inter­pre­tie­ren und grei­fen dabei auf bestehen­de Erfah­rungs­schnip­sel zurück, die in unse­rem Gehirn von bis­he­ri­gen ver­gan­ge­nen Erleb­nis­sen aus einer Zeit vor KI abge­spei­chert sind. Unse­re Reak­tio­nen resul­tie­ren haupt­säch­lich auf Erleb­nis­sen mit ande­ren Kommunikationspartner:innen, die nichts mit KI-Sprach­mo­del­le zu tun hat­ten und füh­ren häu­fig zu glei­chen Kör­per­re­ak­tio­nen, wie in einer Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on jedoch ohne eine adäqua­te Inter­ak­ti­on, bei­spiels­wei­se Klä­rung durch ein mensch­li­ches Gegen­über.

Wir müs­sen daher neue Erfah­run­gen machen und einen für uns sinn­vol­len Umgang fin­den, die den jewei­li­gen KI-Kon­tex­ten gerecht wer­den. Dabei kön­nen uns die Axio­me wei­ter­hel­fen. Es gilt die Unter­schie­de zu erken­nen, die Viel­falt der Mensch-zu-Mensch-Kom­mu­ni­ka­ti­on anzu­er­ken­nen.

Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on im Umgang mit KI – ein Aus­blick

Wenn Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on bei Watz­la­wick bedeu­tet, über die eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on zu spre­chen und dabei gemein­sam Mus­ter zu erken­nen, dann stellt sich die Fra­ge: Ist das im Umgang mit KI über­haupt mög­lich und wenn ja, in wel­cher Art und Wei­se?

Eine voll­stän­di­ge Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on im klas­si­schen Sin­ne dürf­te kaum erreich­bar sein. Sie setzt zwei Part­ner vor­aus, die bei­de das Mus­ter erle­ben und gemein­sam reflek­tie­ren kön­nen. Die KI erlebt kein Mus­ter, sie berech­net es allen­falls. Was den­noch mög­lich und sinn­voll wäre, ist eine ein­sei­ti­ge Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on, ein bewuss­ter Refle­xi­ons­akt der eige­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hal­tung gegen­über der KI.

Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on mit KI wäre damit kein Dia­log, son­dern ein Selbst­ge­spräch mit ana­ly­ti­scher Hal­tung. Eine Form der Selbst­re­fle­xi­on, die klas­si­sche Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on ersetzt, wo kein gleich­wer­ti­ges Gegen­über vor­han­den ist.

Kon­kret könn­te dies so gestal­tet wer­den:

  • Eige­ne Erwar­tun­gen benen­nen.
    Bevor ich KI-Model­le nut­ze, klä­re ich mei­ne Erwar­tun­gen an mein Ziel. Wel­che Erwar­tun­gen brin­ge ich mit? Erwar­te ich Empa­thie, Part­ner­schaft, Auto­ri­tät? Wie­viel Zeit möch­te ich dafür ver­wen­den? Und sind mei­ne Erwar­tun­gen im Hin­blick auf die Situa­ti­on ange­mes­sen?

  • Eige­ne Inter­punk­ti­on gestal­ten.
    Im Umgang mit KI-Sprach­mo­del­len benö­ti­ge ich ein Wis­sen über die Funk­ti­ons­wei­se des jewei­li­gen Sys­tems und wie ich mei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ar­chi­tek­tur und den ‑pro­zess schritt­wei­se und über­prü­fend gestal­te, um mein Ziel zu errei­chen. Wenn Frus­tra­ti­on ent­steht, kann das ein Indiz dafür sein, dass mein Auf­bau des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­ses mit der KI sowie mei­ne Ein­ga­ben und deren Rah­mung die Qua­li­tät der Ant­wor­ten maß­geb­lich beein­flus­sen. Es hilft dabei nicht, wenn ich der KI eine Absicht zuschrei­be, die sie nicht hat, und damit eine Inter­punk­ti­on kon­stru­ie­re, die nur in mei­nem Kopf exis­tiert. Um die eige­ne Kau­sa­li­täts­er­zäh­lung zu über­prü­fen, hilft häu­fig ein lau­tes Den­ken gegen­über einer ande­ren Per­son.

  • Den Bezie­hungs­mo­dus bewusst wäh­len.
    KI-Sys­te­me kön­nen auf ver­schie­de­ne Bezie­hungs­mo­di hin kon­fi­gu­riert wer­den. Wel­cher Modus passt zu mei­nem Ziel, bei­spiels­wie­se tuto­ri­ell, part­ner­schaft­lich, kon­fron­ta­tiv. Die­se Wahl bewusst zu tref­fen, ist selbst ein meta­kom­mu­ni­ka­ti­ver Akt. Wei­ter kann ich mir Skills gestal­ten, die mich hin­ter­fra­gen, prü­fen etc.

  • Para­do­xe Erwar­tun­gen erken­nen.
    Wenn eine Mensch-KI-Inter­ak­ti­on unbe­frie­di­gend bleibt, lohnt sich die Fra­ge, ob ich wider­sprüch­li­che Anfor­de­run­gen stel­le? Der Dou­ble Bind löst sich nicht durch bes­se­re Ein­ga­ben, er löst sich durch Refle­xi­on über die eige­ne Erwar­tungs­struk­tur. Oder ein­fach mal eine rich­ti­ge Pau­se machen, eine Nacht dar­über schla­fen und natür­lich das Mit­den­ken nicht ver­säu­men 😉.

Fazit:

Die fünf Axio­me von Watz­la­wick las­sen sich nicht auf die Mensch-KI-Kom­mu­ni­ka­ti­on über­tra­gen, zumin­dest nicht als Beschrei­bungs­mo­dell. Sie sind für Inter­ak­tio­nen zwi­schen zwei Men­schen ent­wi­ckelt wor­den, die in einem sozia­len Kon­text auf­ein­an­der bezo­gen sind, eine gemein­sa­me Bezie­hungs­ge­schich­te tei­len und wech­sel­sei­tig Bezie­hungs­in­ten­tio­nen ent­wi­ckeln. All das fehlt in der Mensch-KI-Inter­ak­ti­on struk­tu­rell.

Genau dar­in liegt jedoch ihr heu­ris­ti­scher Wert: Nicht, weil die Axio­me für KI gel­ten, son­dern weil ihr Nicht­gel­ten prä­zi­se sicht­bar macht, was an die­ser neu­en Inter­ak­ti­ons­form anders ist:

  • Wo kein Bezie­hungs­aspekt auf bei­den Sei­ten vor­han­den ist, reagiert der Mensch den­noch so, als wäre er da.
  • Wo kei­ne Inter­punk­ti­on des Gegen­übers exis­tiert, kon­stru­iert der Mensch eine.
  • Wo ana­lo­ge oder sagen wir non­ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on fehlt, ver­misst der Mensch etwas, ohne es benen­nen zu kön­nen.

Die Axio­me die­nen damit als Kon­trast­fo­lie: Sie hel­fen nicht dabei, KI zu ver­ste­hen, aber dabei, die eige­nen Reak­tio­nen im Umgang mit KI bes­ser zu ver­ste­hen und neu ein­zu­ord­nen. Das ist ein Erkennt­nis­ge­winn, denn wer erkennt, dass er einer Art Echo ant­wor­tet, als wäre es ein Mensch, hat bereits den ers­ten Schritt zu einem reflek­tier­te­ren Umgang mit KI-Sprach­mo­del­len getan.

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