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Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen
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Bernd Oestereich

Impulsgeber für kollegial geführte Organi­sationen mit Erfahrung als Unternehmer seit 1998. Sprecher und Autor inter­national verlegter Bücher.
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25 Jah­re Agi­les Mani­fest – eine kri­ti­sche Wür­di­gung

Vor 25 Jah­ren, vom 11. – 13. Febru­ar 2001 for­mu­lier­ten 17 Soft­ware­pio­nie­re in einem abge­le­ge­nen Ski­re­sort in Utah einen Text mit nur 68 Wor­ten – und ver­än­der­ten damit die Arbeits­welt. Es ent­stand das Agi­le Mani­fest als Pro­test gegen star­re Pla­nungs­lo­gik und als Plä­doy­er für Zusam­men­ar­beit, Ler­nen und Anpas­sungs­fä­hig­keit. Des­sen Stär­ken wir­ken bis heu­te und des­sen Leer­stel­len lei­der auch.

Die gro­ße Stär­ke: Die agi­le Bewe­gung öff­ne­te den Raum für Soft Skills

Das Agi­le Mani­fest war ein kul­tu­rel­ler Tür­öff­ner. Mit „Indi­vi­du­en und Inter­ak­tio­nen“, „Zusam­men­ar­beit mit dem Kun­den“, „Gespräch von Ange­sicht zu Ange­sicht“ und „in regel­mä­ßi­gen Abstän­den reflek­tiert das Team“ wur­den sozia­le und kom­mu­ni­ka­ti­ve Aspek­te nun aus­drück­lich als rele­van­te Fak­to­ren aner­kannt. Zuvor war es in tech­ni­schen Umfel­dern unüb­lich, über Gefüh­le, Bezie­hun­gen oder Kom­mu­ni­ka­ti­on zu spre­chen. Eher wur­den Soft­ware­ent­wick­ler kli­schee­haft als bezie­hungs­ge­stört dar­ge­stellt.

Nach dem Mani­fest wur­de es mög­lich,

  • Mode­ra­ti­ons­kom­pe­tenz gezielt zu ent­wi­ckeln,
  • Kom­mu­ni­ka­ti­on bewusst zu gestal­ten und
  • Kul­tur und Zusam­men­ar­beit offen zu the­ma­ti­sie­ren.

Agi­li­tät mach­te Soft Skills anschluss­fä­hig – und schließ­lich auch markt­fä­hig. Das war his­to­risch ein gro­ßer Fort­schritt. Und doch war es nicht genug. Das Mani­fest betont: „Stän­di­ges Augen­merk auf tech­ni­sche Exzel­lenz und gutes Design.“ Was hin­ge­gen fehlt, ist eine sozi­al-kom­mu­ni­ka­ti­ve Exzel­lenz:

  • Kon­flikt­kom­pe­tenz,
  • Mode­ra­ti­ons­kom­pe­tenz,
  • Ent­schei­dungs­fä­hig­keit,
  • Macht­trans­pa­renz.

Tech­nik wur­de pro­fes­sio­na­li­siert – die sozia­le Archi­tek­tur hin­ge­gen kaum. Das bremst bis heu­te die Ent­wick­lung von Orga­ni­sa­tio­nen.


Die größ­te Leer­stel­le: Das feh­len­de sys­te­mi­sche Men­schen­bild

Im Mani­fest heißt es „… ver­traue dar­auf, dass sie die Auf­ga­be erle­di­gen.“ Das ist sym­pa­thisch – aber auch etwas dünn. Was fehlt, ist ein expli­zi­tes Men­schen- und Orga­ni­sa­ti­ons­bild:

  • Men­schen ver­hal­ten sich im Kon­text sinn­voll.
  • Sys­te­me prä­gen Ver­hal­ten.
  • Struk­tu­ren erzeu­gen Ergeb­nis­se.

„Gib ihnen das Umfeld und die Unter­stüt­zung, die sie benö­ti­gen“ lie­ße sich zwar so inter­pre­tie­ren, bes­ser am Sys­tem zu arbei­ten, als die Men­schen ver­än­dern zu wol­len. Das ist aber ganz offen­sicht­lich nicht die gän­gi­ge Les­art gewe­sen. Agi­li­tät wur­de eher mora­lisch auf­ge­la­den statt struk­tu­rell gedacht. Bis heu­te hört man:

  • „Die Mit­ar­bei­ten­den haben kein agi­les Mind­set.“
  • „Sie sind noch nicht reif genug.“
  • „Die Hal­tung stimmt nicht.“

Damit wird das Pro­blem per­so­na­li­siert. Der sys­te­mi­sche Ansatz lau­tet: Wenn Agi­li­tät nicht gelingt, stimmt mög­li­cher­wei­se das Sys­tem nicht. Arbei­te am Sys­tem – statt Men­schen vor­schnell defi­zi­tär zu betrach­ten oder pas­send machen zu wol­len. Die­se Leer­stel­le ist bis heu­te ein ärger­li­ches Ver­säum­nis des Mani­fests.


Feh­len­de sys­tem­theo­re­ti­sche Fun­die­rung

Das Mani­fest war eine Reak­ti­on auf das Was­ser­fall­mo­dell – doch es fehl­te ihm an begriff­li­cher Schär­fe. Heu­te unter­schei­den wir kla­rer zwi­schen kom­pli­ziert (kau­sal plan­bar) und kom­plex (nicht kau­sal vor­her­seh­bar) – und eine hohe Dyna­mik im Pro­jekt­um­feld ist heu­te Stan­dard und gar nicht mehr anders vor­stell­bar.

Ein Bezug zum Begriff Kom­ple­xi­tät hät­te das eigent­li­che Pro­blem bes­ser getrof­fen als die For­mel „Reagie­ren auf Ver­än­de­rung“, die nur ein Ver­hal­ten beschreibt. Kom­ple­xi­tät erklärt die Ursa­che. Mit einer kla­re­ren theo­re­ti­schen Fun­die­rung im Umgang mit Kom­ple­xi­tät wäre das Mani­fest ana­ly­tisch stär­ker gewe­sen – und weni­ger miss­ver­ständ­lich.


Fazit

Das Agi­le Mani­fest war ein Befrei­ungs­schlag gegen fal­sche Pla­nung und Pro­zess­bü­ro­kra­tie. Es hat Ent­wick­lungs­teams gestärkt und den Blick für Zusam­men­ar­beit geschärft. Hin­ter­her ist man schlau­er; es blieb in zen­tra­len Punk­ten zu dünn:

  • Es fehl­te ein kla­res sys­te­mi­sches Men­schen­bild.
  • Es fehl­te theo­re­ti­sche Schär­fe im Umgang mit Kom­ple­xi­tät.
  • Es blieb sozi­al unter­be­lich­tet.

25 Jah­re spä­ter ste­hen wir vor der Auf­ga­be, Agi­li­tät struk­tu­rell und sys­te­misch wei­ter­zu­den­ken. Die nächs­te Ent­wick­lungs­stu­fe lau­tet nicht mehr „Reagie­ren auf Ver­än­de­rung“, son­dern „Orga­ni­sa­tio­nen so gestal­ten, dass sie Pro­ble­me kom­pe­tent bear­bei­ten kön­nen.“

 

Viel­leicht pas­send dazu: Ist Agi­li­tät am Ende?

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