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Bernd Oestereich

Impulsgeber für kollegial geführte Organi­sationen mit Erfahrung als Unternehmer seit 1998. Sprecher und Autor inter­national verlegter Bücher.
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Orga­ni­sa­to­ri­sche Schul­den – war­um vie­le Orga­ni­sa­tio­nen lang­sa­mer wer­den, ohne es zu mer­ken

Kennt ihr das? Eine Orga­ni­sa­ti­on wächst, wird kom­ple­xer – und irgend­wann fühlt sich jede Ver­än­de­rung an wie Reno­vie­ren bei lau­fen­dem Betrieb. Alles hängt mit allem zusam­men. Ein­fa­che Ent­schei­dun­gen zie­hen selt­sa­me Schlei­fen. Ener­gie ver­pufft in Abstim­mung, Unklar­heit und alten Mus­tern. Aber wor­an liegt das eigent­lich?

Oft nicht an feh­len­dem Wil­len. Und sel­ten an einem ein­zel­nen gro­ßen Feh­ler. Son­dern an dem, was sich über Jah­re still ange­sam­melt hat: orga­ni­sa­to­ri­sche Schul­den.

 

Woher kommt der Begriff “orga­ni­sa­to­ri­sche Schul­den”?

In der Soft­ware­ent­wick­lung kennt man tech­ni­sche Schul­den: Man wählt heu­te eine schnel­le, prag­ma­ti­sche Lösung statt einer sau­be­ren, nach­hal­ti­gen – und leiht sich damit Bequem­lich­keit aus der Zukunft. Die Zukunft ver­langt Zin­sen. Der Code wird schwe­rer wart­bar, jede Ände­rung auf­wen­di­ger, jeder Feh­ler schwe­rer zu fin­den.

Das Kon­zept lässt sich fast eins zu eins auf Orga­ni­sa­tio­nen über­tra­gen.

Orga­ni­sa­to­ri­sche Schul­den sind struk­tu­rel­le, pro­zes­sua­le oder kul­tu­rel­le Ent­schei­dun­gen – oder Nicht-Ent­schei­dun­gen –, die kurz­fris­tig prak­tisch erschei­nen, aber lang­fris­tig Mehr­auf­wand, Rei­bung und Dys­funk­ti­on erzeu­gen. Und die sich auf­zin­sen, wenn sie nicht aktiv kor­ri­giert wer­den.

Wie ent­ste­hen sie? Und wie wir­ken sie?

Es gibt zwei Ent­ste­hungs­ar­ten – und die zwei­te ist die gefähr­li­che­re.

Schul­den durch das, was man tut:

Eine Rol­le wird ein­ge­führt, weil es damals einen Bedarf gab. Der Bedarf ver­schwin­det, die Rol­le bleibt. Ein Geneh­mi­gungs­pro­zess ent­steht nach einem ein­ma­li­gen Feh­ler. Der Feh­ler ist längst ver­ges­sen – der Pro­zess läuft wei­ter. Drei Per­so­nen fül­len jede Woche ein For­mu­lar aus, damit eine vier­te nickt, die gar nicht mehr weiß, war­um.

Das sind die sicht­ba­ren Schul­den. Man kann sie anfas­sen. Man kann sie abbau­en – wenn man will.

Schul­den durch das, was man nicht tut:

Das sind die heim­tü­cki­sche­ren. Nie­mand hat etwas falsch gemacht. Es wur­de schlicht nichts getan.

Zwei Kol­le­gin­nen arbei­ten seit Mona­ten anein­an­der vor­bei. Bei­de spü­ren es. Nie­mand spricht es an. Das Gespräch, das vor vier Mona­ten zehn Minu­ten gedau­ert hät­te, dau­ert jetzt eine Stun­de – wenn es über­haupt noch geführt wird.

Eine Rol­le bleibt unbe­setzt, weil der Abgang kei­ne aku­te Kri­se aus­ge­löst hat. Sechs Mona­te spä­ter weiß nie­mand mehr, wer die Ver­ant­wor­tung trägt – und ob das, was inzwi­schen infor­mell pas­siert, gut oder schlecht ist.

Ein Pro­jekt schei­tert. Es gibt kei­ne Retro­spek­ti­ve. Man geht zur Tages­ord­nung über. Beim nächs­ten Mal wie­der­holt sich das­sel­be – mit ande­ren Betei­lig­ten, unter leicht ande­rem Namen.

Das Gemein­sa­me: Unter­las­sen fühlt sich im Moment bes­ser an als Han­deln. Kein Gespräch zu füh­ren ist beque­mer als eines zu füh­ren. Kei­ne Ent­schei­dung zu tref­fen ver­mei­det Kon­flikt. Aber Unter­las­sungs­schul­den wach­sen nicht line­ar – sie wach­sen expo­nen­ti­ell. Was nicht ange­spro­chen wird, ver­här­tet sich. Was nicht ent­schie­den wird, ent­schei­det sich durch Träg­heit selbst. Meis­tens schlecht.

Was ler­nen wir dar­aus?

Das Gute ist: Allein die Kennt­nis die­ses Kon­zepts ver­än­dert schon den Blick. Wer weiß, dass Orga­ni­sa­tio­nen Schul­den anhäu­fen kön­nen, fragt bei jeder neu­en Struk­tur, jedem neu­en Pro­zess, jeder neu­en Rol­le nicht nur: Löst das unser heu­ti­ges Pro­blem? – son­dern auch: Wer ist ver­ant­wort­lich, es wie­der zurück­zu­bau­en, wenn es sei­nen Zweck erfüllt hat?

Und wer die Unter­las­sungs­schul­den kennt, weiß: Span­nun­gen früh anspre­chen ist kein Kon­flikt – es ist Schul­den­pra­ven­ti­on. Eine Retro­spek­ti­ve ist kein net­tes Extra – sie ist orga­ni­sa­to­ri­sches Zins­ma­nage­ment. Und kla­re Rol­len­ver­ant­wor­tung ist kei­ne Büro­kra­tie – sie ver­hin­dert, dass wich­ti­ge Din­ge in der Ver­ant­wor­tungs­dif­fu­si­on ver­schwin­den.

Schul­den las­sen sich nie ganz ver­mei­den. Aber man kann auf­hö­ren, sie unbe­wusst anzu­häu­fen.

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