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Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen
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Bernd Oestereich

Impulsgeber für kollegial geführte Organi­sationen mit Erfahrung als Unternehmer seit 1998. Sprecher und Autor inter­national verlegter Bücher.
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Wer schon ein­mal in einem Team saß, in dem alle nick­ten und hin­ter­her im Flur das Gegen­teil sag­ten, kennt das Phä­no­men. Har­mo­nie­be­dürf­nis ist eine der am meis­ten unter­schätz­ten Kräf­te in Orga­ni­sa­tio­nen. Es tarnt sich als Kol­le­gia­li­tät, als Rück­sicht­nah­me, als gute Zusam­men­ar­beit. Tat­säch­lich aber ist es oft das genaue Gegen­teil, näm­lich ein kol­lek­ti­ves Weg­se­hen und ein sozia­les Brems­sys­tem, das Span­nun­gen nicht löst, son­dern nur ver­la­gert – von der Ober­flä­che nach unten.


Selbst­or­ga­ni­sier­te Teams sind dafür anfäl­lig

In selbst­or­ga­ni­sier­ten Teams ist die­ses Brems­sys­tem beson­ders fol­gen­reich. Denn hier gibt es kei­ne Füh­rungs­kraft, die not­falls eine Ent­schei­dung durch­setzt oder einen Kon­flikt von oben „löst“. Die Grup­pe trägt die Ver­ant­wor­tung für sich selbst und damit auch die Ver­ant­wor­tung dafür, unbe­que­me Din­ge anzu­spre­chen. Wenn das nicht gelingt, weil es alle nett hal­ten wol­len, dann ver­kommt kol­le­gia­le Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on schnell zur orga­ni­sier­ten Kon­flikt­ver­drän­gung.

Ein zu gro­ßes Har­mo­nie­be­dürf­nis, man­geln­de Kon­flikt­fä­hig­keit und eine über­höh­te Höf­lich­keits­kul­tur ver­hin­dern, dass Span­nun­gen, Pro­ble­me und die damit ver­bun­de­nen Lern­chan­cen offen ange­spro­chen und bear­bei­tet wer­den. Die Lern­schlei­fen blei­ben dann ober­fläch­lich und das Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al bleibt unge­nutzt.

Das ist kein Ver­sa­gen ein­zel­ner Per­so­nen, son­dern ganz mensch­lich. Wir alle haben gelernt, dass offe­ner Wider­spruch sozia­le Kos­ten hat. Wer wider­spricht, ris­kiert Ableh­nung, Ärger und das Bild einer schwie­ri­gen Per­son. Also schwei­gen wir oder for­mu­lie­ren Ein­wän­de so weich, dass sie nie­man­den tref­fen, aber auch nichts ver­än­dern. Die Schein­ei­nig­keit ersetzt die ech­te Klä­rung.

Wenn zu einer kom­ple­xen Situa­ti­on alle einer Mei­nung sind, haben wir mög­li­cher­wei­se auf­ge­hört zu den­ken oder unse­re Gedan­ken zu sagen. Das wird teu­er.


Har­mo­nie und KI: eine dop­pel­te Her­aus­for­de­rung

KI ist kein The­ma, das sich allein in einer Abtei­lung, einer Rol­le oder einer Füh­rungs­ebe­ne bequem ver­an­kern lässt. Wer KI ver­ant­wor­tungs­voll in einer Orga­ni­sa­ti­on ein­set­zen will, braucht dafür vie­le Betei­lig­te: die, die Pro­zes­se und Daten ken­nen; die, die Risi­ken ein­schät­zen kön­nen; die, die mit den Werk­zeu­gen täg­lich arbei­ten; die, die recht­li­che oder ethi­sche Fra­gen über­bli­cken. KI-Nut­zung ist eine Quer­schnitts­auf­ga­be. Sie macht an Team- und Bereichs­gren­zen nicht halt, genau­so wenig wie an Hier­ar­chie­stu­fen.

Für das klas­si­sche, von oben nach unten orga­ni­sier­te Füh­rungs­mo­dell ist dies schon ein Pro­blem: Eine Füh­rungs­kraft allein, egal auf wel­cher Ebe­ne, kann die­se Brei­te nicht sinn­voll über­bli­cken, geschwei­ge denn steu­ern. Sol­che Struk­tu­ren erzeu­gen Eng­päs­se: Ent­schei­dun­gen wan­dern nach oben, wo das Detail­wis­sen fehlt. Umset­zun­gen wan­dern nach unten, wo das War­um und das grö­ße­re Bild fehlt.

Was es statt­des­sen braucht, sind dif­fe­ren­zier­te, dezen­tra­le Struk­tu­ren und Pro­zes­se: Rol­len, die Ver­ant­wor­tung tra­gen, Krei­se, die kreis­über­grei­fend koor­di­nie­ren, For­ma­te, die Wis­sen und Ent­schei­dungs­macht zusam­men­brin­gen, wo sie hin­ge­hö­ren, nah am Gesche­hen. Kurz: Es braucht kol­le­gia­le Füh­rung und agi­le Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung als struk­tu­rel­le Ant­wort auf die ech­te Kom­ple­xi­tät der KI-Nut­zung.

Wenn kol­le­gia­le Füh­rung und agi­le Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung pas­sen­de und wirk­sa­me Mit­tel für einen guten KI-Ein­satz sind, die­se aber durch Har­mo­nie­be­dürf­nis­se aus­ge­bremst wer­den, dann brem­sen Har­mo­nie­be­dürf­nis­se am Ende auch die KI-Nut­zung.

Ein Team, in dem kei­ne Span­nun­gen aus­ge­spro­chen wer­den, ent­wi­ckelt kei­ne trag­fä­hi­gen Rol­len und kei­ne belast­ba­ren sozia­len Bezie­hun­gen. Eine Orga­ni­sa­ti­on, die kei­ne Span­nun­gen und Ein­wän­de inte­griert, trifft kei­ne trag­fä­hi­gen Ent­schei­dun­gen. Eine Füh­rungs­kul­tur, die Dis­sens ver­mei­det, wird die not­wen­di­ge Dif­fe­ren­zie­rung nie ent­wi­ckeln – weder für kol­le­gia­le Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on noch für den ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit KI.

Das bestä­tigt nur, was an ande­rer Stel­le bereits gilt: Wer die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur nicht ent­wi­ckelt, blo­ckiert alles ande­re gleich mit.


Pro­zes­se hel­fen, wo Hal­tung allein nicht reicht

Wer nun hofft, das Har­mo­nie­be­dürf­nis durch Appel­le an Offen­heit oder Mut zu über­win­den, wird ent­täuscht wer­den. Hal­tun­gen ändern sich nicht auf Zuruf. Der Ver­such, hier Men­schen ändern zu wol­len, ist nicht hilf­reich. Die Men­schen ver­hal­ten sich nicht so, weil sie es nicht anders könn­ten, son­dern weil es zum sozia­len Kon­text passt. Wer schon mal sowohl ein Fuß­ball­sta­di­on als auch ein Thea­ter­haus besucht hat, kennt dies: An dem einen Ort sind wir laut, wild, direkt, an dem ande­ren zurück­hal­tend, höf­lich und ruhig. Die Men­schen sind die­sel­ben, ihr Ver­hal­ten anders.

Bes­ser ist es des­we­gen, an den Struk­tu­ren und Pro­zes­sen einer Orga­ni­sa­ti­on zu arbei­ten und sie zu ver­än­dern. Nicht sicher, aber sehr wahr­schein­lich, resul­tie­ren dar­aus auch ande­re Ver­hal­tens­mus­ter.

For­ma­te wie die kol­le­gia­le Ein­wand­in­te­gra­ti­on, die Wider­stands­ab­fra­ge oder das Run­den­for­mat sind hilf­reich, weil sie Har­mo­nie­be­dürf­nis­se struk­tu­rell umge­hen: Wer in einer mode­rier­ten Run­de reih­um an der Rei­he ist, muss nicht selbst den Impuls auf­brin­gen, als Ers­te zu wider­spre­chen. Wenn alle ihren Wider­stand auf einer Ska­la anonym oder expli­zit sicht­bar machen, muss ihn ein Ein­zel­ner nicht in einer Kon­fron­ta­ti­on arti­ku­lie­ren.

Men­schen ler­nen, dass auf Gesag­tes nicht immer gleich affek­tiv reagiert wer­den muss und dass ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven jen­seits von Rich­tig und Falsch neben­ein­an­der ste­hen­blei­ben dür­fen. Das stützt mit der Zeit die Bezie­hungs­ebe­ne und führt zu ver­trau­ens­vol­le­ren und belast­ba­re­ren Arbeits­be­zie­hun­gen.

Die­se For­ma­te sen­ken die sozia­len Kos­ten des Anders­seins und erhö­hen damit die Wahr­schein­lich­keit, dass ech­te Span­nun­gen sicht­bar wer­den, statt im Nir­gend­wo zu ver­schwin­den. Das ist kein Trick und kei­ne Mani­pu­la­ti­on, son­dern Orga­ni­sa­ti­ons­ge­stal­tung. Es geht dar­um, die Wahr­schein­lich­keit kon­struk­ti­ver Kom­mu­ni­ka­ti­on zu erhö­hen, ohne auf den guten Wil­len Ein­zel­ner ange­wie­sen zu sein.

Gera­de beim KI-Ein­satz, wo die The­men neu, die Unsi­cher­hei­ten groß und die Beden­ken oft still sind, ist das kein Luxus, son­dern Vor­aus­set­zung.

Dies ist nur eine von vie­len Her­aus­for­de­run­gen und Lösungs­an­sät­zen bei der KI-sie­rung von Orga­ni­sa­tio­nen. Vor­mit­tags am 1. und 2. Juli 2026 ver­an­stal­ten wir eine Online-Fort­bil­dung zum The­ma: https://kollegiale-fuehrung.de/produktpaket/kio/

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