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Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen
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Bernd Oestereich

Impulsgeber für kollegial geführte Organi­sationen mit Erfahrung als Unternehmer seit 1998. Sprecher und Autor inter­national verlegter Bücher.
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Der Ein­satz von KI-Agen­ten­sys­te­men bei Team-Ent­schei­dun­gen

Die beauf­trag­te kon­sul­ta­ti­ve Fall­ent­schei­dung ist eine der wich­tigs­ten Ent­schei­dungs­prak­ti­ken für agil und kol­le­gi­al geführ­te Teams und Orga­ni­sa­tio­nen. Und es bie­tet sich gera­de­zu an, KI-Agen­ten­sys­te­men zu inte­grie­ren. Dar­um geht es in die­sem Bei­trag.

Was ist ein kon­sul­ta­ti­ver Fall­ent­scheid?

Bei der beauf­trag­ten Fall­ermäch­ti­gung (auch kon­sul­ta­ti­ver Fall­ent­scheid genannt) wird eine Per­son von einem Kreis ermäch­tigt, für einen ein­zel­nen Ent­schei­dungs­be­darf (Fall) eine für den Kreis ver­bind­li­che und umfas­sen­de Ent­schei­dung zu tref­fen, ver­se­hen mit dem Wunsch, bestimm­te Rol­len oder Inter­es­sen­ver­tre­ter dafür zu kon­sul­tie­ren.

Das Ver­fah­ren eig­net sich für Ent­schei­dungs­be­dar­fe, die beson­de­res Wis­sen oder Klä­rungs­auf­wand erfor­dern, den eine Grup­pe gemein­sam nicht sinn­voll leis­ten kann oder möch­te. Eben­so eig­net es sich für sehr kon­tro­ver­se und heik­le The­men, zu denen der Kreis aber unbe­dingt eine Ent­schei­dung tref­fen muss.

Das Vor­ge­hen ist immer zwei­stu­fig:

  • Erst wird ent­schie­den, wer ent­schei­den soll.
  • Danach star­tet der eigent­li­che Ent­schei­dungs­pro­zess, der eini­ge Zeit in Anspruch nimmt, d. h. die Vor­be­rei­tung, Ent­schei­dung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Umset­zung der Ent­schei­dung.

Die neben­ste­hen­de Gra­fik illus­triert den typi­schen Ablauf. Das Ent­schei­dungs­werk­zeug ist in unse­ren Büchern zur Kol­le­gia­le Füh­rung detail­lier­ter beschrie­ben, bspw. Im Buch „Orga­ni­siert euch ein­fach“.


Was ist ein KI-Agen­ten­sys­tem?

Ein KI-Agen­ten­sys­tem besteht aus meh­re­ren KI-Instan­zen (Agen­tin­nen), von denen jede auf eine bestimm­te Rol­le, Per­spek­ti­ve oder Fach­do­mä­ne aus­ge­rich­tet ist und die zusam­men eine umfas­sen­de­re Auf­ga­be lösen. Die Rol­len­spe­zia­li­sie­rung erfolgt durch ent­spre­chen­de Sys­tem­an­wei­sun­gen (Prompt, Skill) und ggf. den Zugriff auf spe­zi­fi­sche aktu­el­le Doku­men­te (z. B. Betriebs­ver­ein­ba­run­gen, Stra­te­gie­pa­pie­re, Com­pli­ance-Richt­li­ni­en, Kreis­kon­sti­tu­ti­on mit Hand­lungs­rah­men und Rol­len, Team­board) via Retrie­val-Aug­men­ted Gene­ra­ti­on (RAG).

Die Agen­tin­nen lie­fern kei­ne ver­bind­li­chen Ent­schei­dun­gen, son­dern Ein­schät­zun­gen, Ein­wän­de und Impul­se – genau wie mensch­li­che Kon­sul­tier­te. Und sie bezie­hen eigen­stän­dig die aktu­el­le Situa­ti­on im Kon­text der Ent­schei­dung ein, soweit sie Zugriff auf die ent­spre­chen­den Daten haben.


Die Rol­len im digi­ta­len Bei­rat

Für den Ein­satz im Fall­ent­scheid emp­fiehlt es sich, einen fes­ten Satz orga­ni­sa­ti­ons­wei­ter Agen­tin­nen bereit­zu­stel­len, die wie­der­holt genutzt wer­den kön­nen. Typi­sche Rol­len­pro­fi­le wären:

 

KI-Agen­tin

Per­spek­ti­ve

Kreis­hü­te­rin

Kreis­kon­sti­tu­ti­on (Hand­lungs­rah­men, Rol­len), Team­board

Per­so­nal­we­sen

Arbeits­recht­li­che Aspek­te, Fair­ness, Prä­ze­den­z­wir­kung

Finan­zen

Kos­ten­fol­gen, Bud­get, wirt­schaft­li­che Risi­ken

Com­pli­ance

Recht­li­che Anfor­de­run­gen, Daten­schutz, Haf­tung

Stra­te­gie

Pas­sung zur Orga­ni­sa­ti­ons­stra­te­gie, lang­fris­ti­ge Wir­kung

Per­so­nal­rat

Mit­be­stim­mungs­rech­te, kol­lek­ti­ve Inter­es­sen

Neue Mit­ar­bei­te­rin

Onboar­ding-Per­spek­ti­ve, unver­stell­ter Blick

Lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­te­rin

Orga­ni­sa­ti­ons­ge­dächt­nis, Kul­tur­pfle­ge

Geschäfts­füh­rung

Außen­wir­kung, Gesamt­ver­ant­wor­tung, Füh­rungs­stil

Kund­schaft 

Außen­per­spek­ti­ve, Repu­ta­ti­ons­ri­si­ken

 

Die­se Lis­te ist kein Stan­dard, son­dern eine Ein­la­dung zur eige­nen Kura­ti­on. Jede Orga­ni­sa­ti­on bestimmt, wel­che Agen­tin­nen für sie sinn­voll sind – und hält sie aktu­ell.


Wann kommt das KI-Agen­ten­sys­tem ins Spiel?

Der Ein­satz ist pha­sen­wei­se und ergänzt – nicht ersetzt – die mensch­li­che Kon­sul­ta­ti­on. Er fügt sich naht­los in den bestehen­den Pro­zess der beauf­trag­ten Fall­ermäch­ti­gung ein. Die fol­gen­den Pha­sen gehen von einer getrenn­ten Kon­sul­ta­ti­on zum Pro­blem­ver­ständ­nis einer­seits und der Lösungs­ent­wick­lung ande­rer­seits aus – wohl­wis­send dass für vie­le Fäl­le eine ein­fa­che Kon­sul­ta­ti­on zu bei­den Aspek­ten aus­reicht.

  • Pha­se 1 – Pro­blem­ver­ständ­nis (vor der mensch­li­chen Kon­sul­ta­ti­on)
    Die Ent­schei­dungs­per­son schil­dert den Fall dem Agen­ten­sys­tem und fragt: Wie seht ihr das Pro­blem? Was über­se­he ich mög­li­cher­wei­se? Wel­che Dimen­sio­nen sind aus eurer Per­spek­ti­ve beson­ders rele­vant? Das Ergeb­nis: Ein ers­tes Bild der Pro­blem­land­schaft, das die Ent­schei­dungs­per­son für die anschlie­ßen­den Gesprä­che mit Kol­le­gin­nen schärft.

  • Pha­se 2 – Refle­xi­on der mensch­li­chen Rück­mel­dun­gen
    Nach den ers­ten Kon­sul­ta­ti­ons­ge­sprä­chen bringt die Ent­schei­dungs­per­son das Gehör­te zurück ins Agen­ten­sys­tem: Mei­ne Kol­le­gin­nen haben fol­gen­de Per­spek­ti­ven geäu­ßert – was ergänzt ihr dazu? Wel­che Span­nun­gen oder blin­den Fle­cken seht ihr?

  • Pha­se 3 – Lösungs­ideen son­die­ren (vor der mensch­li­chen Kon­sul­ta­ti­on)
    Bevor die Ent­schei­dungs­per­son ihre eige­nen Lösungs­ideen for­mu­liert oder Kol­le­gin­nen dazu befragt, holt sie im Agen­ten­sys­tem eine ers­te Ideen­run­de ein. Das hilft, den Lösungs­raum zu struk­tu­rie­ren und eige­ne Vor­schlä­ge geziel­ter zu ent­wi­ckeln – auch assis­tiert durch KI. 

  • Pha­se 4 – Ein­ord­nung der mensch­lich gesam­mel­ten Lösungs­ideen
    Rück­mel­dun­gen und Vor­schlä­ge aus dem mensch­li­chen Kon­sul­ta­ti­ons­pro­zess wer­den erneut dem Agen­ten­sys­tem vor­ge­legt: Was hal­tet ihr von die­sen Ideen? Wel­che Ein­wän­de habt ihr? Was spricht wofür?

  • Pha­se 5 – Prü­fung des eige­nen Ent­schei­dungs­ent­wurfs
    Kurz bevor die Ent­schei­dung getrof­fen und kom­mu­ni­ziert wird, lässt die Ent­schei­dungs­per­son ihren Ent­wurf durch das Agen­ten­sys­tem lau­fen: Wel­che Ein­wän­de habt ihr gegen die­se Lösung? Was könn­te ich noch nicht gese­hen haben?


Ein kon­kre­tes Bei­spiel

Mira ist von ihrem Kreis beauf­tragt wor­den zu ent­schei­den, ob eine leis­tungs­star­ke Kol­le­gin befris­tet in ein ande­res Team wech­seln soll – auf aus­drück­li­chen Wunsch des ande­ren Teams, aber zum Unmut der eige­nen Grup­pe.

Bevor sie auch nur ein Gespräch führt, fragt sie den digi­ta­len Bei­rat. Der Per­so­nalagent weist auf mög­li­che Prä­ze­den­z­wir­kung hin. Der Stra­te­gie­agent ver­mu­tet einen struk­tu­rel­len Eng­pass im ande­ren Team, der nicht durch Per­so­nen gelöst wer­den soll­te. Die „neue Mit­ar­bei­te­rin” macht dar­auf auf­merk­sam, dass die Kol­le­gin selbst bis­her nicht gefragt wur­de.

Mira ergänzt dar­auf­hin ihre Kon­sul­ta­ti­ons­lis­te: Sie spricht auch mit der betref­fen­den Kol­le­gin – und ent­schei­det am Ende: nur mit deren aus­drück­li­chem Ein­ver­ständ­nis und für maxi­mal drei Mona­te.


Was das KI-Agen­ten­sys­tem nicht kann

Es lie­fert kei­ne Wahr­hei­ten, son­dern Mög­lich­keits­räu­me. Es kennt die infor­mel­len Macht­ver­hält­nis­se in der Orga­ni­sa­ti­on nicht, es spürt kei­ne Stim­mun­gen, und es haf­tet für nichts. Die Ent­schei­dungs­ver­ant­wor­tung bleibt – wie im gesam­ten Kon­zept der beauf­trag­ten Fall­ermäch­ti­gung – voll­stän­dig bei der beauf­trag­ten Per­son. Der digi­ta­le Bei­rat macht sie infor­mier­ter, nicht ver­ant­wor­tungs­lo­ser.


Wenn Ihr in eurer Orga­ni­sa­ti­on ein­mal einen KI-unter­stütz­ten Fall­ent­scheid für eine ech­te Fra­ge­stel­lung pro­biert – mel­det euch bit­te, wir sind an Rück­mel­dun­gen inter­es­siert!

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